Zucht in Eigenverantwortung

– was bedeutet das für uns?

Es ist schön, wenn sich Zuchtinteressierte schon im Vorfeld viele Gedanken machen, dafür ein Lob an alle, die dies tun.

Man lernt als Züchter (im Idealfall) mit den Jahren – sowohl von anderen Züchtern als auch aus eigenen Verpaarungen. Züchten ist kein einfaches 1×1, keine Milchmädchenrechnung geht einfach so auf. Es gibt meiner Meinung nach so viel mehr Züchter (und Welpenkäufer/Dalmatinerliebhaber!), die einfach nur die nette Fleckung und das „ach so schöne Gesicht“ sehen, was gute oder schlechte Winkel oder eben alle anderen Qualitäten angeht, kann ich immer wieder nur den Kopf schütteln. Natürlich wird wohl gerade in Zeiten von Facebook oft scheinheilig kommentiert und ein „Gefällt mir“ vorgegeben, hinter vorgehaltener Hand herrscht aber wieder die gegenteilige Meinung. Ich persönlich könnte niemals in schwärmende „ach wie toll“-Tiraden verfallen, wenn ein Hund zwar nette Flecken hat, der Rest aber einfach nur Murks ist. Ob nun zu kräftig oder zu schmächtig, das sei dahin gestellt.

Als ich anfing zu züchten, da habe ich vollkommen anders gedacht als heute, fand unsere Mädels Aline und Latoya einfach nur toll und perfekt, wir hatten sie ja so lieb. Sie waren schön gefleckt und zauberhaft, hatten mit Partnern (die ich teilweise heute nicht wieder wählen würde) auch ganz nette Welpen. Ja… nett – mehr nicht. Körperliche Qualität bzw. Korrektheit hätte man anders besser fördern können, das weiß ich JETZT. Nein, der eigene Hund DARF nicht der Beste und Schönste sein wenn man ernsthaft züchten möchte. Schrecklich lieb darf man sie haben, aber man darf niemals den objektiven Blick verlieren.
Es wird immer sämtliche Extreme in der Zucht geben und immer Liebhaber für das Eine oder das Andere – viel Substanz, wenig Substanz, groß, klein, dick, dünn, Winkel hin oder her etc pp – Ein guter Züchter kennt den Standard, weiß, was korrekt ist, sieht nicht nur Punkte und findet seinen Hund immer am Schönsten, sondern kann objektiv beurteilen. Gute Züchter haben außerdem langfristige Zuchtpläne und gehen deshalb manchmal züchterische Wege, die im ersten Moment nicht logisch oder gewohnt erscheinen, die aber langfristig gesehen Sinn ergeben. Manchmal bedarf es eines Extrems, um etwas zu erreichen oder evtl zu verfestigen, quasi als eine Zutat für ein späteres Ziel.
Die Möglichkeit der eigenverantwortlichen Zucht ist meiner Meinung nach das Einzige, was unsere Rasse gesund hält. Wie traurig wäre es, wenn ein Verein jetzt alles so stark einschränken würde, dass später alles verloren ist, wenn DANN beinahe irreparable, bis dato unbekannte Probleme oder Fehler auftauchen? Wer kann denn heute sicher sein oder bestimmen, was auch dauerhaft gut ist? Krassester Gedanke ist da ja der der Genmutation, irgendwie ist man ja z.B. bei 100% HUA ausserhalb des LUA Projektes gelandet. Andere Dinge könnten sich ganz genau so einschleichen.

Ein guter Züchter denkt nicht nur von einer Verpaarung zur nächsten, sondern in vielen Generationen. Manchmal ist eine Verpaarung mit Extremen für die Zukunft unglaublich wertvoll. Die Erfahrung hat gezeigt: Manche Menschen lernen den „Blick“ schnell, bei anderen braucht es viele Schulungen, bis der „Blick für Korrektheit“ da ist. Ein korrekter Körper hängt unumgänglich mit Gesundheit und rassetypischen Qualitäten zusammen. Natürlich wird es immer „Züchter“ geben, die eigentlich eher Vermehrer genannt werden sollten. Ein guter Züchter denkt viel weiter als bis zum Füllen des Bankkontos (was ja ohnehin eher unwahrscheinlich ist wenn man es gut macht), auch einfach „ach so liebe und niedliche Welpen“ sind nicht das Ziel. Das Ziel eines echten Züchters ist es, mit einer Verpaarung einen Plan und eine Vision zu fördern, künftige (eigene) Verpaarungen bzw. Linienzusammenführungen vorzubereiten und, wenn alles gut geht, gutes Zuchtpotential zu schaffen. Aber das klappt eben nicht immer und es kommen auch einmal Welpen heraus, die man so nicht erwartet hätte. Manchmal übertrifft eine Verpaarung die Erwartungen, manchmal wird man enttäuscht.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster: Mindestens 70% oder mehr der aktuellen Zuchthunde gehören meiner Meinung nach eigentlich nicht in die Zucht WENN man nur an „korrekt“ denkt und trotzdem werden wertvolle und sehr gute Hunde aus Eltern geboren, die es nicht hätten erahnen lassen und umgekehrt. Genotyp und Phänotyp liegen eben oft weit auseinander, nur die züchterische Vielfalt kann langfristig eine Rasse gesund halten. Man darf nie vergessen, dass vor den Zeiten des WWW viele Informationen nicht so leicht ausgetauscht werden konnten oder an die Öffentlichkeit kamen. Auch darf man nicht meinen, dass nur Welpenkäufer sich ehrlich unterhalten. Es existieren im Internet Gruppen, die ausschliesslich Züchtern oder Richtern zugänglich sind, Züchter und Richter telefonieren und können Emails schreiben, treffen sich auch mal privat und hier wird ganz anderes geredet, hier wird Wissen ausgetauscht, was Welpenkäufer weder langfristig interessiert noch wirklich in dem Moment hilft, bei Züchtern/Richtern jedoch ein ganz anderes Gewicht hat.

Man kann keine Wunder erwarten von einem Züchter. Kein Züchter wird kranke oder unkorrekte Welpen züchten wollen, kein Züchter wird völlig emotionslos gut schlafen können, wenn er von einem kranken Welpen erfährt, aber wir sind eben „nur“ Züchter, die versuchen die Natur in hoffentlich richtige Wege zu lenken. Welpen, die nicht so gelungen sind, was soll man mit denen tun? Sich schämen und sie verschwinden lassen? Natürlich nicht, man sucht auch für diese das bestmögliche Zuhause. Im Anschluss ist es jammerschade, wenn dann Welpenkäufer, die einen solchen Hund besitzen, den Züchter wegen eines nicht so idealen Welpen später verurteilen.

Wenn ich an Züchtertagungen von vor 15 Jahren denke muss ich heute schmunzeln. Was habe ich Bauklötze gestaunt bei den Aussagen und Plänen der Züchter damals, was habe ich zu Züchtern aufgesehen, über die ich heute nur den Kopf schütteln kann. Jeder muss wohl erst einmal ein paar Jahre selbst gezüchtet haben, bevor er wirklich kritisieren kann denke ich – die Theorie kann man sich so schön „einfach“ zurecht legen, die Praxis ist dann erst die Realität.